b.30

Dramaturgiehospitantin Pia Christine Boekhorst war bei einer Probe zu „Wounded Angel“ (b.30) dabei und hat die Choreographin Natalia Horecna bei der Arbeit beobachtet.

 

Im Ballettsaal: Natalia Horecna

 

Natalia Horecna probt mit den Tänzern Doris Becker und Friedrich Pohl, aber Nein: für sie sind es „Dorisienka“ und „Friedrischko“, die da die von ihr entwickelten Bewegungen ausführen. Für ihre „Sweeties“ braucht sie Namen, die ihre Zuneigung zu den Tänzern zum Ausdruck bringen. Mit Doris Becker und Friedrich Pohl erarbeitet sie ein Duett, das so weich wie ätherisch ist und gleichzeitig voller kraftvoller Schwierigkeiten steckt. Als engelsgleiches Wesen sollen Doris Beckers Bewegungen kein Ende haben. „Nothing is finished. Swallow the ends“, erklärt die hochkonzentrierte Choreographin mit glühenden Wangen. Obwohl der Schriftzug „Tralalaa“ auf dem Rücken von ihrer blau-weiß gestreiften Bluse Kindliches suggeriert und die Choreographin jeden mit ihren Augen voller Herzlichkeit zu absorbieren scheint, weiß sie genau, was sie möchte. „I’m picky about the qualities“, gibt sie zu. Gleichzeitig beruhigt sie und erinnert daran, dass es die ersten Tage des Probenprozesses sind und die Tänzer noch sechs weitere Wochen Zeit haben, sich die Choreographie einzuverleiben.

 

Im Ballettsaal: Natalia Horecna

 

Die Slowakin mit einer hochkarätigen Tänzerlaufbahn zwischen Hamburg Ballett und Nederlands Dans Theater ist aufgeregt und ganz bei der Sache. Als Friedrich Pohl sich auf allen Vieren vorwärtsbewegt, ruft ihm die Choreographin zu: „Circle the energy. Feel the light“. Animalisch scheint er Wolken durch den Raum zu schieben, bis er auf die herumirrende Doris Becker trifft. Natalia Horecna will eine fließende Verbindung zwischen den beiden und Qualitäten schaffen, die durch Emotionen entstehen: „Emotion first, movement second“, betont sie mit Nachdruck und kommt immer wieder auf dieses Prinzip zurück. Um bei den Tänzern Gefühle entstehen zu lassen, gibt sie ihnen Bilder an die Hand: „That’s what you are used to. That are your bad thoughts, your imaginary garbage“, raunt Natalia Horecna Marcos Menha im Gleichschritt zu. Mit kreisenden Zeigefingern schiebt sich der Tänzer durch imaginären Müll, der bei den Aufführungen um ihn herum auf der Bühne liegen wird. Marcos Menha stellt das verwundete Herz dar, das sich hier gerade mit schmerzenden Gedanken von Unsicherheit, Eifersucht und Narzissmus quält. Doch einen Lichtblick eröffnet ihm Camille Andriot als Herz, die ihm ins Ohr flüstert und mit ausgestrecktem Zeigefinger zu einem Engel, Yuko Kato, weist.

 

Bei dem Pas de deux von Camille Andriot und Marcos Menha ist es Natalia Horecna wichtig, dass die Tänzer sich bei Hebefiguren nicht übermäßig belasten, weshalb die Choreographin auf ihre eigene zeitgenössische Tanzerfahrung zurückgreift. Sie schlägt vor, beim Partnering – anders als im streng akademischen Ballett – mit der Schwerkraft zu arbeiten und Gewicht an den jeweils anderen abzugeben, wodurch ansonsten schwierige Figuren einfach und erdverbunden werden. Andererseits fordert Natalia Horecna ganz klar Klassisches: gestreckte Füße, saubere akademische Positionen und präzise Muskelarbeit, in denen ihre profunde Ballettausbildung deutlich wird.

 

Im Ballettsaal: Natalia Horecna

 

Inspiriert durch die Dynamik des Momentes fügt Natalia Horecna in den Pas de deux von Doris Becker und Friedrich Pohl einen waghalsigen Handstand mit anschließender Hebung ein, was verdeutlicht, dass sie zwar in Düsseldorf mit einem durchkonzipierten „Wounded Angel“ im Gepäck angereist ist, aber trotzdem noch nichts feststeht. „I always create on you. You and your energy tell me what to do“, offenbart sie den Tänzern, als ob es gar nicht anders möglich wäre. Letztlich schöpft sie aus ihnen, mit denen sie arbeitet, entwickelt neue Bewegungen und entdeckt immer mehr Details, die noch weiter von innen heraus gestaltet werden können. Die Bereitschaft der Tänzer, sich zu öffnen, lässt ergreifende Momente schon im Studio entstehen: „That’s beauty. If you dance like this, I will cry and not leave the theatre“, erklärt Natalia Horecna verzaubert – sie hat eine Gänsehaut.

 

Mehr zu Natalia Horecna: In unserem Ballettmagazin b – No. 7 stellen wir Ihnen die Choreographin ausführlich vor.

Mehr zu b.30: In unserem Print-Magazin "Prospekt" lesen Sie über die erste Choreographie von Remus Şucheană.

 

Ballett am Rhein – b.30

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