Herzlich Willkommen zum Ballettfuehrer Audio zu >>Signaturen<<, einem dreiteiligen Ballettabend, mit dem sich die neue Ballettdirektion des Ballett am Rhein dem Publikum vorstellt. Mein Name ist Julia Schinke. Ich bin Dramaturgin beim Ballett am Rhein und darf Ihnen in den kommenden Minuten einen Einblick in die drei choreographischen Handschriften von Hans van Manen, David Dawson und Bridget Breiner geben. Was ist eine kuenstlerische Signatur? Ist sie wie eine mit der Hand geschriebene Unterschrift, etwas Stilistisches oder Charakteristisches? Was verbirgt sich hinter der jeweiligen Handschrift einer Choreographie? Zu Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit zeigen Chefchoreographin Bridget Breiner und Ballettdirektor Raphael Coumes-Marquet mit der Auswahl der drei Werke, wo ihre eigenen kuenstlerischen Wurzeln liegen, was sie gepraegt hat und wo sich die Compagnie hin entwickeln wird. Neben dem in Duesseldorf und Duisburg wohlbekannten niederlaendischen Großmeister Hans van Manen beinhaltet der Abend somit auch ein Stueck des international gefeierten britischen Choreographen David Dawson. Seine Werke haben in ihrer langen Taenzerkarriere sowohl Bridget Breiner als auch Raphael Coumes-Marquet selbst viel getanzt. Der Abend endet mit einer Urauffuehrung von Bridget Brainer selbst. Schauen wir uns die Stuecke etwas genauer an. >>Four Schumann Pieces<< zaehlt zu Hans von Manens großen klassischen Arbeiten, welche er am 31. Januar 1975 beim Royal Ballet in London zur Urauffuehrung brachte. Es ist ein Ballett voller Romantik und Eleganz, in dem der Niederlaender die Dramatik emotionaler Zustaende, Traeume, Wuensche und AEngste mit der ihm eigenen klaren Bewegungssprache kontrapunktiert und menschliche Beziehungen innerhalb seiner strengen choreographischen Logik entwickelt. Wie auch bei anderen bahnbrechenden Werken, die Hans van Manen zu Beginn der 1970er Jahre schuf, liegt dieser Choreographie Musik der Romantik zugrunde. Robert Schumanns Streichquartett, Opus 41, Nummer drei erklingt in einem Arrangement fuer Streichorchester von Martin Yates. Wenn der Vorhang sich hebt, steht der Solist in einem Lichtkegel allein auf der Buehne. Er ist ganz in seiner eigenen Welt, und wenn ihn auch die nach und nach im Hintergrund an ihm vorbeiziehenden Paare aus fuenf Maennern und Frauen bald schon dazu animieren, nicht nur in den Tanz einzusteigen, sondern diesen anzufuehren, gibt es zwischen ihm und den anderen waehrend des gesamten ersten Satzes doch keine direkte Beruehrung. Mehrfach wurde die erste Szene als Bild eines romantischen Kuenstlers, vielleicht des Komponisten Robert Schumann, und seiner Imaginationen gedeutet. So entwickeln sich in den folgenden drei Schumann Pieces unterschiedliche Konstellationen. Es kommt zu einer ersten richtigen Beruehrung. Der Solist stuerzt erschoepft aus der Gruppe der Tanzenden hervor, um sich traeumend an den Buehnenrand zurueckzuziehen. Und natuerlich gibt es auch einen fuer Hans von Manen so typischen Tanz von Mann und Frau auf Augenhoehe, voller Erotik, hart, sexy und modern und von einer Spannung, in die Begehren und Zurueckweisung zugleich eingeschrieben sind. >>Four Schumann Pieces<< ist voll von ueberraschenden Bildern, gehuellt in ein neoklassisches Gewand. Erstmals kann man dieses Ballett beim Ballett am Rhein erleben. In ein dunkles, mysterioeses Reich begeben wir uns mit dem zweiten Stueck des Abends. David Dawsons >>Empire Noir<< ist ein Ballett voller explosiver Energie. Rasant und unerbittlich auf seiner eigenen Reise durch die Dunkelheit der Nacht praesentieren sich fuenf Taenzerinnen und fuenf Taenzer in akrobatischen Pas de deux als Individuum und Gruppe in stetig sich wandelnden Konstellationen. Die Architektonik der Choreographie spiegelt sich dabei in ihrer strukturellen Reduziertheit, im Buehnenbild, ebenso wie in den hautengen Kostuemen wider. Gemeinsam mit der fuer diese Premiere ueberarbeiteten Komposition des britischen Komponisten Greg Haines entsteht ein Tanzerlebnis voller Sogkraft und ansteckender Energie. Ein Ballett, das den Tanzenden neben technischer Brillanz vor allem eine elektrifizierende Praesenz, Staerke und Ausdruckskraft abverlangt. 2015 beim niederlaendischen Staatsballett uraufgefuehrt, ist >>Empire Noir<< nun erstmals ueberhaupt in Deutschland zu erleben. Die AEsthetik des Stuecks ist von Anfang an klar gesetzt. Der Vorhang hebt sich langsam und zeigt die zehn Tanzenden, alle mit perfekt gekreuzten Beinen in der fuenften Position am vorderen Buehnenrand. Der Vorhang enthuellt ihre Beine, dann ihre Oberkoerper, dann ihre seitlich ausgestreckten Arme, die Haende in einer Position am Handgelenk, einmal nach oben, einmal nach unten geknickt. Dieses Motiv, das sich durch das ganze Ballett zieht, findet man auch in anderen Choreographien von David Dawson und kann somit fast schon als Signaturbewegung oder vielleicht Detail seiner choreographischen Signatur gelten. Waehrend der Anfang von >>Empire Noir<< sich eher mit Gruppen, solistischen und unisono gefuehrten Parts beschaeftigt, folgt spaeter eine Vielzahl an technisch hochvirtuosen Pas de deux. Die Gruppe zersplittert in fuenf Paare, welche die Taenzerinnen durch die Luft ebenso wie auf dem Spitzenschuh ueber den Boden gleiten lassen. Was einem dabei den Atem stocken laesst, ist jedoch nicht die Akrobatik der einzelnen Schritte selbst, sondern mit welcher Leichtigkeit Tanzpartner und -partnerin miteinander verschmelzen. In vielerlei Hinsicht scheint >>Empire Noir<< eine Hommage zu sein an die deutlich artikulierte Koerperlichkeit, die extremen Ausdehnungen der Positionen und die Erforschung dessen, was im Ballett heute moeglich ist. Als letztes Werk des Abends laesst Bridget Breiner in enger Zusammenarbeit mit ihrem Ausstatter Juergen Franz Kirner gleich drei lose miteinander verbundene Welten entstehen. Sie alle beschaeftigen sich mit der Frage nach dem, was uns praegt. Im ersten Satz von Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert Opus 18 in C-Moll, begibt sich ein junger Mann, lose inspiriert vom Forscher und Entdecker Alexander Humboldt, auf eine Reise, die faszinierende Welt um ihn herum zu erforschen, Spuren zu sammeln und so vielleicht selbst seinen Platz in der Welt zu finden. Dreh und Angelpunkt des folgenden Teils ist die Figur der Tochter. Um sie herum entsteht eine ganz andere Atmosphaere. Waehrend sich die Buehne aus einzelnen Sammelstuecken zu einem Gesamtbild zusammengefuegt hat, weicht durch die Praesenz dieser Tochter das Analytische des ersten Teils einer weniger fassbaren Emotionalitaet. Sie repraesentiert alle, die vor uns kamen. Sie ist eine Mutter, eine Schwester, eine Cousine, ein Symbol fuer Verbindungen und Netze, die ueber die Jahre hinweg immer weitergesponnen werden. Inspiriert vom Gedicht >>Stone Bread<< der amerikanischen Poetin Maria Hummel, bringt sie die Ambivalenz des Lebens, die Schoenheit und zugleich Tragik des ewigen Wandelns mit sich. In diesem zweiten Satz ist es nicht laenger die Beziehung zur umgebenden Natur, die im Fokus steht, sondern die Beziehung zwischen den Menschen, unseren Ahnen und Vorvaetern, Kindern und Enkeln. Doch auch dieses Bild loest sich im finalen Teil auf und macht der Natur als unbaendige und gleichzeitig lebensbejahende Kraft Platz. Diese drei Welten bieten nicht nur Platz fuer optisch unterschiedliche Elemente im Kostuem und Buehnenbild, sondern vor allem auch fuer eine weit aufgefaecherten Palette an choreographischen Farben. Spielerisch und voller Neugier ist der erste Teil. Er stellt Individuum und Gruppe gegenueber. Innig und sehnsuchtsvoll wirkt der zweite Teil, in welchem sich erst im Pas de trois, dann im Pas de deux die Taenzer und Taenzerinnen kunstvoll umeinanderschlingen. Der letzte Teil vibriert vor Lebensfreude und bringt zum großen Finale 22 Taenzer und Taenzerinnen auf der Buehne zusammen. Der Ballettabend >>Signaturen<< zeigt uns nicht nur drei sehr unterschiedliche Ballette, er praesentiert uns drei besondere Handschriften. Was diese ausmacht, laesst sich oft nur schwer in Worte fassen. Deshalb darf ich Ihnen nun viel Vergnuegen beim Entdecken dieser Signaturen im Rahmen der Vorstellung wuenschen.