Herzlich Willkommen zum Ballettfuehrer Audio zu >>Endstation Sehnsucht<<. Ein Ballett in zwei Akten des Meisters des Literaturballetts John Neumeier. >>Man hat mir gesagt, ich soll eine Straßenbahn namens Sehnsucht nehmen. Dann in eine andere namens Friedhof umsteigen und nach sechs Querstraßen aussteigen. Bei den elysischen Gefilden.<< Mit diesen Worten lernen wir eine der bekanntesten Figuren der amerikanischen Theater- und Filmgeschichte kennen. Tennessee Williams Protagonistin Blanche DuBois aus >>A Streetcar named Desire<<. In deutscher UEbersetzung >>Endstation Sehnsucht<<. Schauen wir einmal auf den grundlegenden Konflikt dieses Dramas. Blanche kommt nach New Orleans, um bei ihrer juengeren Schwester Stella Zuflucht zu suchen. Der alte Familiensitz im Sueden der USA, genannt Belle Reve – schoener Traum, ist verloren. Mit ihm zerbricht nicht nur Blanches wirtschaftliche Existenz, sondern auch die Welt, aus der sie stammt. Zunehmend fluechtet sie sich in maennliche Bekanntschaften, fluechtet vor der Realitaet. Ihre Schwester Stella wiederum lebt laengst in einer anderen Welt. Sie ist mit dem Arbeiter Stanley Kowalski verheiratet, der von Blanche wegen seiner Grobheit und Herkunft aus einer polnischen Einwandererfamilie verachtet wird. >>Tausende und Tausende von Jahren der Entwicklung sind an ihm voruebergegangen. Wirkungslos. Ein UEberlebender aus der Steinzeit<<, wird sie spaeter feststellen. Doch auch ihr kultiviertes, leicht affektiertes und mitunter blasiertes Verhalten reizt Stanley zu rohem und vulgaeren Benehmen bis hin zu brutalen Ausbruechen. Seine herzlose Kaelte gegenueber Blanche ist aufgeladen mit sexueller Energie. In den beengten Wohnverhaeltnissen, die ein Abbild des dicht bebauten franzoesischen Viertels geben, kommt es schnell zu Spannungen, die durch Blanches Unvermoegen, Realitaet und Illusion voneinander zu trennen, nur verstaerkt werden. Fließende, sich gegenseitig ueberblendende Welten verstellen Blanche den Blick auf ihre tatsaechliche Situation. Die Katastrophe ist unausweichlich. Stanley entbloeßt sie gegenueber ihrem Verehrer Mitch, der ihre letzte Hoffnung auf ein geregeltes Leben war. Der daraus entstehende Konflikt muendet in der Vergewaltigung von Blanche durch Stanley. Am Ende steht Blanche alleine da. Verloren und verlassen zwischen Erinnerung und Wirklichkeit. John Neumeiers Ballett setzt nicht am Anfang dieser Geschichte an, sondern an ihrem Ende. Blanche befindet sich bereits in einer psychiatrischen Anstalt. Von hier aus entfaltet sich ihr Leben als Rueckblick, als ein Geflecht aus Erinnerungen, inneren Bildern und fragmentarischen Szenen. So fuehrt uns das Ballett im ersten Akt zurueck nach Belle Rev, in eine Welt von gesellschaftlichen Ritualen, Eleganz und scheinbarer Ordnung. Wir erleben einen entscheidenden Moment aus Blanches Vergangenheit, ihren Hochzeitstag. Mitten in der festlichen Gesellschaft kommt es zu einem Bruch. Ihr junger Ehemann Allan wird in einem Moment der Intimitaet mit einem anderen Mann entdeckt und bringt sich infolgedessen selbst um. Es ist der Beginn einer Kette von Verlusten, die Blanches Leben praegen. Mit jedem weiteren Todesfall der alternden Familienmitglieder zerfaellt Belle Rev ein Stueck mehr. Blanche bleibt zurueck, unfaehig, die Realitaet anzunehmen. Und immer staerker gefangen in einer Welt aus Erinnerungen und Illusion. Aus dieser Situation heraus setzt das Ballett im zweiten Akt mit Blanches Ankunft in New Orleans ein und folgt ihrem Weg bis zum Ende in der psychiatrischen Einrichtung. >>Endstation Sehnsucht<< erzaehlt von fundamentalen menschlichen Erfahrungen: von Einsamkeit, von der Angst vor dem Verlust, von dem Wunsch nach Zugehoerigkeit, aber auch von Brutalitaet, Unterdrueckung und der voelligen Zerstoerung einer Frau, fuer die es in dieser Gesellschaft im Umbruch keinen Platz gibt. Ein zentrales Bild ist dabei die Straßenbahn selbst. In New Orleans gab es tatsaechlich Linien mit den Endstationen Desire (Begehren) und Cemeteries (Friedhoefe). Diese Strecke wird zur Metapher. Ein Leben, das vom Begehren bestimmt ist, steuert unausweichlich auf Zerstoerung zu. Auch Belle Rev, der verlorene Familiensitz ist mehr als ein Ort. Er steht fuer eine untergehende Welt und fuer Blanches verzweifelten Versuch, diese Welt in Erinnerungen festzuhalten. Der Autor Tennessee Williams, geboren 1911 im amerikanischen Sueden, zaehlt zu den bedeutendsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Mit >>Endstation Sehnsucht<< gelang Williams 1947 der internationale Durchbruch. Das Stueck wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und spaeter mit Marlon Brando und Vivian Leigh weltberuehmt verfilmt. Seine Werke sind gepraegt von persoenlichen Erfahrungen, von familiaeren Spannungen, von gesellschaftlichem Druck und insbesondere von der Beziehung zu seiner Schwester Rose. Am Ende von >>Endstation Sehnsucht<< glaubt Stella ihrer Schwester Blanche nicht, dass sie von Stanley vergewaltigt wurde. Ganz aehnlich schenkte in der Familie Williams insbesondere die Mutter den heftigen Anschuldigungen von Rose keinen Glauben, ihr eigener Vater habe sie vergewaltigt. Rose litt unter einer schweren psychischen Krise und wurde einem medizinischen Eingriff unterzogen, der ihre Persoenlichkeit unwiederbringlich zerstoerte. Viele sehen in Blanche Dubois eine literarische Spiegelung dieser Erfahrung. Eine Figur, die an der Realitaet zerbricht und an der Unfaehigkeit ihrer Umgebung, ihr zu glauben. John Neumeier war neben der Geschichte vor allem von den verschiedenen miteinander verwobenen Ebenen des Schauspiels fasziniert. Tennessee Williams entwickelte fuer seine Stuecke den Begriff des Memory Play, ein Spiel der Erinnerung. Gemeint ist eine Erzaehlweise, die nicht linear verlaeuft, sondern subjektiv gepraegt ist. Erinnerungen ueberlagern sich, Realitaet und Vorstellung verschwimmen. John Neumeier greift dieses Prinzip auf und uebertraegt es in den Tanz. Vergangenheit wird nicht erzaehlt, sie wird sichtbar gemacht. Die Buehne wird zum Raum des Bewusstseins. Figuren erscheinen wie aus dem Gedaechtnis heraus. Szenen brechen ab, ueberlagern sich, kehren wieder. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Musik. Der erste Teil des Balletts ist unterlegt mit Sergej Prokofjews >>Visions Fugitives<<. Diese kurzen, fragmentarischen Stuecke tragen eine Atmosphaere von Nostalgie und Vergaenglichkeit in sich. Fuer Neumeier der Klang von Belle Reve, einer untergehenden Welt. Der zweite Teil steht im starken Kontrast dazu. Hier erklingt Alfred Schnittkes erste Sinfonie. Ein Werk von großer Intensitaet, gepraegt von Bruechen, Gegensaetzen und ueberraschenden Klangbildern. Neumeier erkannte in dieser Musik sofort die innere Zerrissenheit der Geschichte und noch mehr in ihren jazzigen Elementen hoerte er einen unerwarteten Klang von New Orleans. Im Zentrum dieses Balletts steht eine Figur, die bis heute beruehrt: Blanche DuBois. Eine Frau, die verzweifelt versucht, Schoenheit und Wuerde zu bewahren, die Schutz sucht und keinen findet. Die sich eine Welt erschafft, um in ihr ueberleben zu koennen. >>Ich habe mich immer auf die Freundlichkeit von Fremden verlassen<<, sagt sie am Ende. Ein Satz, der Hoffnung und Tragik zugleich in sich traegt. Vielleicht ist genau das der Kern dieser Geschichte die Sehnsucht nach Naehe, nach einem Ort der Zugehoerigkeit. Und die Frage, was geschieht, wenn dieser Ort verloren geht. Ich wuensche Ihnen einen eindrucksvollen Abend. © Deutsche Oper am Rhein