Herzlich Willkommen zum Ballettfuehrer Audio zum dreiteiligen Abend >>Grey Area<<, bei dem ein moderner Klassiker auf zwei Urauffuehrungen trifft. Der englische Ausdruck >>Grey Area<< bezeichnet weit mehr als die woertliche UEbersetzung des Ausdrucks >>Grauzone<< im Deutschen. Sie ist alles und nichts zugleich. Ein Bereich, der sich nicht eindeutig einordnen laesst, der weder schwarz noch weiß ist. Es ist eine Zone der Unschaerfe, in der Grenzen verschwimmen und unterschiedliche Interpretationen moeglich sind. In einer Grey Area fehlt es an klaren Richtlinien oder eindeutigen Bewertungen, sodass Raum fuer Ambivalenz, Fragen und Diskussionen entsteht. Alle drei Werke dieses Abends kreisen um solche Zustaende des Dazwischen. Sie befassen sich mit UEbergaengen, mit Prozessen, mit Momenten, in denen etwas nicht mehr ist, was es war und noch nicht geworden ist, was es sein wird. Ausgangspunkt dieser Choreographie ist die Musik von Jeff Buckley. Seine Interpretationen sind gepraegt von großer emotionaler Offenheit und von der Vorstellung, dass ein Lied nie endgueltig abgeschlossen ist. Jeder Vortrag, jede Aufnahme, jede Variation veraendert das Werk erneut. Musik erscheint hier nicht als fertiges Produkt, sondern als fortlaufender Prozess. Diese Idee uebertraegt >>Shards<< in den Tanz. Der Titel bedeutet >>Splitter<< oder >>Fragmente<<, UEberreste eines Ganzen, das nicht mehr vollstaendig vorhanden ist. In der Choreographie zerfaellt eine anfaengliche Gruppe in einzelne Figuren. Taenzerinnen und Taenzer begegnen einander, entfernen sich wieder, gehen ein Stueck gemeinsam und kehren doch immer wieder zu sich selbst zurueck. In diesen Begegnungen schwingt stets etwas mit, das nicht mehr greifbar ist und dennoch praesent bleibt. Eine Erinnerung, ein Verlust, eine Sehnsucht. Die Bewegungen folgen keiner linearen Erzaehlung, sondern entfalten sich wie ein innerer Dialog zwischen Naehe und Distanz, zwischen Festhalten und Loslassen. Auch musikalisch setzt >>Shards<< auf dieses Weiterwirken. Die Songs von Jeff Buckley oeffnen einen Raum, in dem Bewegung, Klang und Stille ineinander greifen. Die Choreographie setzt sich fort, durch die Musik hindurch und ueber sie hinaus. Der zweite Teil des Abends bildet das konzeptionelle Zentrum dieses Programms und zeigt einen modernen Klassiker. >>The Grey Area<< von David Dawson. Das Werk entstand im Jahr 2002 fuer das Dutch National Belli und markierte einen entscheidenden Moment in Dawsons internationaler Karriere. Bereits ein Jahr spaeter wurde die Choreographie mit dem renommierten Prix Benoit de la Dance ausgezeichnet. Eine der hoechsten Ehrungen im Bereich des klassischen und zeitgenoessischen Balletts. Seitdem gilt >>The Grey Area<< als ein Schluesselwerk des fruehen 21. Jahrhunderts und wird weltweit von Compagnien aufgefuehrt. David Dawson entwickelte dieses Stueck in einer Phase großer persoenlicher Unsicherheit. Er beschreibt den Ausgangspunkt als einen Zustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ein inneres Niemandsland, in dem weder Entscheidungen noch Gewissheiten feststanden. Aus diesem existenziellen Moment heraus entstand eine Choreographie, die nicht erzaehlen, sondern einen Zustand sichtbar machen will. Die eigens fuer das Stueck komponierte Musik von Niels Lanz entfuehrt in eine Welt, in der Raum und Zeit stillzustehen scheinen. >>The Grey Area<< verzichtet bewusst auf Handlung, Rollen oder Buehnenbild. Die Leere des Raums lenkt den Blick ganz auf den Tanz selbst. Die Koerper der Taenzerinnen und Taenzer schreiben Linien in den Raum, verbinden sich, loesen sich wieder, bilden fließende geometrische Strukturen. Die klassische Technik bleibt stets praesent, wird jedoch gedehnt, geoeffnet und in einen emotionalen Kontext gestellt. Fuer Dawson ist das klassische Vokabular keine starre Form, sondern eine Sprache. Entscheidend ist nicht, ob man sie benutzt, sondern wie. In >>The Grey Area>> wird diese Sprache genutzt, um einen inneren Zustand auszudruecken. Das Schwanken zwischen Halt und Losloesung, zwischen Kontrolle und Hingabe, zwischen Vergangenheit und Moeglichkeit. Den Abschluss des Abends bildet eine Kreation der kanadischen Choreographin Lesley Telford. >>Threshold of a Fall<< ist ihre erste Arbeit fuer das Ballett am Rhein. Hier wird die Idee der Grey Area auf eine konkrete visuelle und koerperliche Ebene uebertragen. Die Buehne zeigt eine schwebende, fragile Konstruktion, eine abstrahierte Waldlandschaft, zugleich ein System aus Staeben, Linien und Verbindungen. Sie steht fuer eine vom Menschen geschaffene Struktur, die sich mehr und mehr verselbststaendigt. Inspiriert vom Gleichnis des Damoklesschwerts untersucht das Stueck den Moment vor dem moeglichen Zusammenbruch. Den Augenblick, in dem ein System noch traegt, aber bereits erste Risse zeigt. Es geht nicht um den eigentlichen Fall, sondern um die Spannung, die ihm vorausgeht. Die Taenzerinnen und Taenzer bewegen sich in diesem instabilen Raum zwischen Balance und Kontrolle. Sie stuetzen, lehnen, fangen einander auf. Dabei sind sie zugleich Teil des Systems und von ihm betroffen. Die Rollen von Erbauer und Gefaehrdeter, von Handelnden und Ausgesetzten verschieben sich staendig. Das Sounddesign von Davidson Giaconello verwebt Stuecke von Hauschka, Gyoergy Ligeti und Hildur Guðnadóttir und bildet eine Klanglandschaft, die zwischen Dringlichkeit und Stille pendelt. Sie verstaerkt das Gefuehl eines schwebenden Gleichgewichts, eines Zustands, der jederzeit kippen koennte. >>Grey Area<< ist kein Abend, der eindeutige Antworten liefert. Er richtet den Blick auf jene Momente, in denen Gewissheiten fehlen und Widersprueche nebeneinander stehen. In >>Shards>> begegnen wir dem Nachhall von Vergangenem, in >>The Grey Area<< einem Zustand des offenen Gegenwaertigen, in >>Threshold of a Fall<< der Spannung einer Zukunft, die sich bereits ankuendigt. Alle drei Werke machen erfahrbar, dass gerade diese Zwischenraeume, diese Zonen des nicht Festgelegten, zu den intensivsten menschlichen Erfahrungen gehoeren. Es sind die Momente, in denen Veraenderung moeglich wird. Ich wuensche Ihnen eine anregende Vorstellung.