
10 Fakten zu
DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
1
„Die Meistersinger“ hatte Richard Wagner ursprünglich als Komödie – es wäre seine einzige gewesen – als heiter-ironischen Sängerkrieg konzipiert. Der Umschwung der Stimmung nach der „Prügelfuge“ am Ende des 2. Aktes und die große Schlussansprache von Schuster Hans Sachs zur Ehrung der deutschen Kunst haben ihn das jedoch revidieren lassen.
2
Diese Oper nimmt einen besonderen Platz unter Wagners Opern ein: Trotz der Anlange als komische Oper besitzt sie zugleich außergewöhnlichen musikalischen und dramatischen Tiefgang. Das neunminütige Vorspiel, das schon 1862 (sechs Jahre vor der Uraufführung der Oper) veröffentlicht wurde, enthält schon viele der späteren musikalischen Motive des Stückes und deutet durch deren Zusammenspiel teilweise schon auf die Beziehungen der handelnden Figuren zueinander und die Umstände voraus.
3
Richard Wagner zeigt in den „Meistersingern“ erstmals keine mythologische oder historisierende Geschichte mit Göttern und Helden, sondern entwirft eine Handlung ganz nah an den Menschen, die zum Teil sogar wirklich existiert haben. Die Handlung spielt im mittelalterlichen Nürnberg und im Umfeld der bürgerlichen Handwerker und Kaufleute, die sich im 15. und 16. Jahrhundert in Gesangsschulen organisierten und nach festen Regeln dichteten und sangen. Allen voran der Schuster und Poet Hans Sachs, der in dieser Oper u.a. als großer Vermittler zwischen und Alt und Neu auftritt.
4
Hans Sachs gab es wirklich: Der berühmte Nürnberger Schuhmacher, Dichter und Meistersinger Hans Sachs (1494–1576) ist eine historische Figur. Er war einer der produktivsten deutschsprachigen Dichter seiner Zeit und schrieb viele hundert Gedichte, Lieder, Sprüche und Theaterstücke. Wagner machte ihn zum Helden seiner Oper und schrieb ihm die längste und an Worten umfangreichste seiner Figuren auf den Leib. Um weitere historische Glaubwürdigkeit zu schaffen, stützte sich Wagner bei der Erstellung der Regeln zum Meistergesang u.a. auf die 1697 erschienene Nürnberg-Chronik mit einem Anhang „Von der Meister-Singer holdseligen Kunst“ von Johann Christoph Wagenseil (1633–1705
5
Doch Wagner hat auch viel erfunden in dieser Oper. So beschwört er eine historische Welt aus Handwerk, Zünften, Bürgerstolz (gegen den Adel) und musikalischer Tradition – allerdings aus dem Blick des 19. Jahrhunderts und in den Anfängen um 1845 noch aus der Perspektive eines Revolutionärs.
6
Wagner hat wie bei allen seinen Werken auch bei den „Meistersingern“ von Erlebnissen geschrieben, die ihm als Vorbild für einzelnen Personen oder Szenen dienten: So will er selbst in Nürnberg in eine Prügelei geraten und so auf die Idee mit der Massenschlägerei am Ende des 2. Aktes gekommen sein. Der Figur des pedantischen Stadtschreibers Beckmesser hatte der Komponist wohl die Person des von ihm verhassten Wiener Kritikers Eduard Hanslick zugrunde gelegt.
7
Hinter der Komödie voller schrulliger Meister und der Liebesgeschichte von Eva und Stolzing steckt eine Parabel über die Notwendigkeit der Erneuerung der Kunst aus dem Geiste der Tradition heraus, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf zwischenmenschlicher und künstlerischer Ebene. Der Gesang als Kunstform steht im Mittelpunkt. Wagner schrieb hier Musik über Musik.
8
Wagner identifizierte sich selbst stark mit den Figuren des Stolzing und des Sachs: Er selbst war ein Regelbrecher bzw. ein Erneuerer der Musik und des Musiktheaters. So lässt er zum einen Walther von Stolzing oft sehr klug darüber reflektieren, wie überholt er alles findet, was die Meister tun. Zum anderen lässt er Hans Sachs als Medium zwischen Tradition und Erneuerung darüber reflektieren, dass nur aus der Tradition heraus etwas Neues entstehen kann, man aber den Mut haben muss, es auch zu tun. Kunst lebt von der steten Weiterentwicklung und nur im Dialog.
9
Auch im Umgang mit der Musik und ihren Formen seiner Oper ist dieser Widerstreit bzw. die Differenz zwischen Tradition und Erneuerung zu bemerken: Feierliche Choräle, kunstvolle Fugen und ältere musikalische Formen treffen auf eine bewegliche, vielschichtige Klangsprache.
10
Der berühmte Schluss – ein schwieriges Erbe: Sachs’ mehrminütige Schlussansprache feiert die „deutschen Meister“. Das Stück entstand 1868, lange vor dem Nationalsozialismus, wurde später aber für nationalistische und völkische Ideologien vereinnahmt und fester Bestandteil von deren Propaganda, so u.a. als Oper, die zwischen 1935-1938 als Festoper zur Eröffnung der Nürnberger Reichparteitage gespielt wurde. Die Inszenierungen nach 1945 bis heute zeigen deutlich das sich Abarbeiten von Künstlerinnen und Künstlern an dieser Oper, wobei das Spektrum der Interpretationen von völlig unpolitischer Butzenscheiben-Ästhetik bis zu Ausdeutungen der politischen Botschaft der Oper für unsere heutige Zeit reicht. Daniel Kramers Neuinszenierung nähert sich der Oper als ein Werk für unsere Zeit.