07.09.–21.10.2022 / Ballett

Zwischen­welten

Demis Volpi | Gil Harush
Fr 21.10.2022
Theater Duisburg
19:30 - 21:30
Ballett
Wechselnde Wochentage-Abo C
Beschreibung
THE LITTLE MATCH GIRL PASSION Demis Volpi
DON'T LOOK AT THE JAR Gil Harush
Eine Koproduktion mit dem Beethovenfest Bonn
ca. 2 Stunden, eine Pause
Empfohlen ab 12 Jahren
Am ersten Tag des Jahres liegt ein kleines Mädchen tot am Straßenrand. Vergeblich hatte sie zuvor versucht, ihre Streichhölzer zu verkaufen. Niemand wollte sich ein Herz fassen, sich ihrer annehmen. Jetzt stehen die Menschen in andächtiger Trauer um sie herum und beweinen ihr Schicksal. Doch niemand kann ahnen, mit welch traumhaften Visionen eines besseren, wärmeren Lebens sie diese Erde verlassen hat. Demis Volpi entwarf 2018 zur Vokalkomposition des Amerikaners David Lang (*1957), die 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, eine intime Auseinandersetzung mit Hans Christian Andersens
Märchenklassiker „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Ein theatraler Tanzabend über große Träume und kleine Utopien.

Auch der franko-israelische Choreograph Gil Harush streckt sich aus nach Visionen des gesellschaftlichen Miteinanders. Wie entscheide ich, welche Version meiner Selbst morgens das Haus verlässt? Wieviel Einfluss hat ein Absatz am Schuh oder eine Krawatte um den Hals darauf, wie mich mein Umfeld wahrnimmt? Die 2021 mit nur 34 Jahren verstorbene Künstlerin SOPHIE machte mit ihrer Musik zwischen Elektro-Pop und Avantgarde weltweit auf sich aufmerksam. Trotz der Bekanntheit ihrer Musik hielt sie bis zu ihrem Coming Out als Transfrau 2017 ihre eigene Identität lange geheim. Zum Arrangement ihres Albums „Oil of Every Pearl’s Un-Insides“ des Streichquintetts „Wooden Elephant“ begibt sich Gil Harush auf die Suche im vielfältigen Spektrum von gender performativity.
the little match girl passion
Uraufführung am 2. Mai 2018, Bundesjugendballett, Podium Esslingen
Musik und Text von David Lang

don’t look at the jar
Uraufführung in der Spielzeit 2022/23, Ballett am Rhein, Theater Duisburg
Arrangement des Albums „oil of every persons uninsides“ der Künstlerin SOPHIE durch „Wooden Elephant“, Auftragswerk des Beethovenfest Bonn
Choreographie
Bühne
Flurin Borg Madsen
Kostüme
Sonja Kraft
Dramaturgie
Choreographie
Gil Harush
Bühne & Kostüme
Gil Harush
Dramaturgie
Besetzung
Das Mädchen
Die Kälte
Das Feuer
Die Mutter
Der Vater
Sopran
Viola Blache
Alt
Helene Erben
Tenor
Mirko Ludwig
Bass
Sönke Trams Freier
Violine
Aoife Ní Bhriain, Hulda Jónsdóttir
Viola
Ian Anderson
Violoncello
Stefan Hadjiev
Kontrabass
Nikolai Matthews
Orchester
Wooden Elephant nach SOPHIE
Stimmen unserer Scouts zu "Zwischenwelten"
Nicole Bonnekamp
"the little match girl passion"
Bereits der erste Ton des großartigen vierstimmigen Ensemblegesangs geht weniger durch mein Ohr als durch meine Haut. Klare, zarte, melodische Gesänge hüllen mich ein, lassen mich nicht unterscheiden zwischen der Matthäus-Passion und der Märchenerzählung, wirken als Ganzes auf mich. Die Vokalmusik beeindruckt mich mehr als die Choreographie. Einzig Joaquin Angelucci fasziniert mich durch die Darstellung der Kälte, da er wild und nahezu wirbellos um das Mädchen tanzt und der Frost somit in jede Pore ihres Körpers einzudringen scheint.

"don't look at the jar"
Ein Sternenzelt? Männer? Frauen? Ein nichtbinärer Mensch, der zweifelt, überlegt?
Nach wenigen Momenten versuche ich nicht mehr, die Szenerie und die Tänzer*innen des zweiten Stücks zu analysieren, zu kategorisieren. Ihr Tanz schleudert mir die Eindrücke entgegen: Wut, Ablehnung, Akzeptanz, Unterstützung, Kampf, Verständnis, Zweifel, Überwindung, Aggression, Vereinigung. Die Musik ist Treiber und Echo zugleich. Ein intensives, herausforderndes, berauschendes Gesamtwerk!

"the little match girl passion"
Der Prozess, den ich während des ersten Stückes mache, ist besonders spannend, da ich durch die zunächst befremdlichen Bewegungen des Mädchens auf der einen Seite irritiert werde und auf der anderen Seite starkes Mitleid, ausgelöst durch ihren Todeskampf, empfinde. Aufgelöst wird dieses Gefühl durch die fließenden Bewegungen der Tänzerin, die wie eine persönliche Erlösung wirken.

"don't look at the jar"
Das zweite Ballettstück greift den aktuellen Diskurs zur Genderthematik auf. Wer bin ich eigentlich und wer entscheidet, welche Rolle ich in der Gesellschaft einzunehmen habe? Die Musik ist unglaublich dynamisch, teilweise auch dissonant. Selbst die Musiker*innen werden Teil der Inszenierung und fügen sich durch ihre Kleidung in das Gesamtbild ein, wobei sie eher eine homogene und die Tänzer*innen eine heterogene Gruppe darstellen. Ein interessanter Kontrast.
Zwischenwelten - passender hätte der Titel für den Ballettabend nicht lauten können. Zwei Welten, die mir eröffnet wurden, zwei Themen, die in unserer Gesellschaft immer präsenter zu sein scheinen.
Alexandra Knappik
Astrid Postmeyer
"the little match girl passion"
Das Stück fing still und irritierend für mich an, weckte im Verlauf jedoch Neugier und Erwartung. Passanten*innen begeben sich ziellos hin und her. Ein spärlich bekleidetes Mädchen wurde ignoriert. Später setzte die Musik von David Lang in einer "Passionsform" ein und unterstützte die Inhalte des Kunstmärchens „das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ über Einsamkeit und Ausgrenzung. Der Hohn, die Gleichgültigkeit der Passant*innen, verwandelten sich mit dem Tod des Mädchens in Mitgefühl ohne tatsächliche Anteilnahme.
Die Dramatik wurde gut umgesetzt, musikalisch wie auch tänzerisch. Beeindruckend war die getanzte Kälte. Für mich stand die Musik zu sehr im Vordergrund und überlagerte das Ballett.

"don't look at the jar"
Das Bühnenbild wirkte auf mich wie ein angedeutetes Zirkuszelt und hat mir gut gefallen. Es wurde eine große tänzerische Leistung gezeigt. Die Thematik, Vorurteile zu bedienen, das Äußere in den Vordergrund zu stellen und weniger auf das "Innere" zu schauen, wurde mit allen Facetten bespielt. Die Musik empfand ich eher als verstörend und erreichte mich nicht.
"the little match girl passion"
Eine großartige, faszinierende Vorstellung. Das Zusammenspiel von Schauspiel und Gesang ließen mich die Kälte des kleinen Mädchens ebenfalls spüren und ihre traumhaften Visionen nahezu miterleben.

"don't look at the jar"
Die Genderthematik in unserer Gesellschaft auf der Bühne zu sehen hat mich beeindruckt. Erlebt habe ich Tänzer*innen, die sich zwischen den Welten auf dem Weg zum respektvollen gesellschaftlichen Miteinander befinden. Faszinierend war hier das Bühnenbild und der Detailreichtum. Bis zu den lackierten Fingernägeln hat alles gestimmt.


Sabine Fröber
Dr. Ralf Blaha
"the little match girl passion"
Bizarre, abgehackte, erratische Bewegungen des erfrierenden Mädchens, begleitet und kommentiert von vierstimmigem Gesang mit klerikaler Intensität. Bachs Matthäus Passion lässt grüßen. Ein magisches Spannungsfeld. Die Erlösung des Kindes durch den Tod wirkt fröhlich und spielerisch. Märchenhafte, mystische Phantasien. Ein Hauch von Kitsch rieselt bunt vom Himmel. Gefühlsmäßig überladenes Erlösungsstereotyp?

"don't look at the jar"
Wer bin ich? Was ist meine Identität? Zerrissenheit, multiple Existenzen, der Wunsch nach Wahrnehmung, Akzeptanz und Egomanifestation. Kongeniale Musik, geniales Streichquintett, Klänge von schmeichelnder Kakophonie, warme, schräge Harmonien, stolpernde Rhythmen, komponierter Free-Jazz? Eine wabernd bewegende Choreographie, getanzte Psychotherapie. Sind wir vielleicht anders, ein psychophysischer Prozess in einem absurden, transrationalen Universum. Die Suche nach Identität, nach einem festen Wesenskern. Eine Illusion?


"the little match girl passion"
Im ersten Stück „the little match girl passion“ fiel wunderschöner, tanzender Schnee vor dunkler, minimalistischer Kulisse. Und ich nehme es vorweg: Der Schnee wird zu buntem Konfetti, so gut! Das irritiert, wenn es genau im Moment des Nicht-(oder-doch-)Happy-Ends so tröstlich, fast verspielt wird. Der Gesang ist eindringlich und gar nicht wegzudenken.

"don't look at the jar"
Das zweiten Stück „don’t look at the jar“ fühlt sich an, wie eine lustvolle, antike Zeremonie. Sex, Tod, Grün, Sonnenuntergang, Lichterketten, Schrecken, Lorbeerkranz, eine weiße Katze. So, so viele Tänzer*innen. In einem Moment scheinbar Unsortiertes wird plötzlich zur Choreografie. Bühnengeräusche und Musik sind faszinierend rhythmisch. Alles spitzt sich immer weiter zu, um dann abrupt … Charlie? Angels?

Mareike Engelke
Carolin de Bruijn
"the little match girl passion"
In dem ersten Stück wurde die winterliche, kalte Stimmung durch einen kleinen Chor mit Schlaginstrumenten perfekt rübergebracht. In manchen Sequenzen konnte man Einflüsse von Bachs Passionen raushören, was die miserable Situation des erfrierenden Mädchens gekonnt unterstreicht. Auch die koordinierte Körperbeherrschung und Schauspielkunst von Rose Nougué-Cazenave als das erfrierende Mädchen mit schönen Visionen waren eine volle Punktlandung.

"don't look at the jar"
Das zweite, etwas unkonventionelle vorgestellte Stück, sprudelte nur so vor künstlerischen Höchstleistungen und zog mich ganz in seinen Bann. Durch die ausdrucksstarke und schamlose Choreographie der exzellenten Tänzer*innen wurden die inneren Konflikte bewegend und mit viel Drama dargestellt. Interessant war auch die Wahl der Kostüme, die farblich ästhetisch abgestimmt war und auch darin resultierte, dass einige der Tänzer*innen spärlich bekleidet waren.
"the little match girl passion"
Menschen laufen wie zufällig über die Bühne und das Bühnenbild baut sich langsam auf. Es sind die Akteur*innen die mich in die Geschichte ziehen. Die Musiker*innen stehen fast mitten drin, das Märchen wird gesungen. Klingt gut und passt zum Stück. Da kommt der Schnee, toll gemacht. Mir wird kalt und ich freue mich wie die Wärme als Pelzmantel zurückkommt, wenn auch nur kurz. Das Mädchen zuckt häufig wie eine defekte Aufziehpuppe. Warum? Es lenkt mich ab.
Und dann bin ich wieder zurück, fühle mit, wie das Mädchen friert und nach dem traurigen Ende stelle ich erfreut fest, dass es gar nicht so traurig ist.

"don't look at the jar"
Und dann etwas völlig anderes. Das sieht schon eher nach dem Ballett aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Tänzerinnen und Tänzer in großer Zahl unter einer Kuppel aus Licht, die wenige Kleidung körperbetont, Musik eher unharmonisch. Die Tänzer*innen mal hier, mal da - ich kann nur wenig Höhen und Tiefen ausmachen.
Dann zum Schluss, wie in einer Zugabe, impulsives "Good morning, Angels" - davon hätte ich mir mehr gewünscht. "Good morning, Charlie".

Götz Odenwald
Ballettführer Audio
Einen kurzen Einblick in den Ballettabend „Zwischenwelten” und seine Choreographien gibt Ihnen hier Dramaturgin Julia Schinke. Den Ballettführer in der Live-Version können Sie 30 Minuten vor jeder Vorstellung im Foyer erleben.

Dauer: 9:20 Minuten


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